Aus der Zeit gefallen

Erinnerungen an das alte Gotteslob

von Guido Erbrich, Roncallihaus (Magdeburg)

Da geht sie zu Ende, die Zeit mit dem alten Gotteslob. Fast 40 Jahre hat das alte durchgehalten und ich kann mich noch gut an seine Einführung erinnern.

Es waren gar viele neue Lieder drinnen und so wurde vor dem Gottesdienst schon mal geübt. Mit mäßigem Erfolg. Im Gottesdienst war es nicht viel besser und der Kaplan rastete aus. Was sich da die arme Gemeinde anhören musste, die eigentlich zum Lobe Gottes zusammengekommen war und von den neuen Rhythmen und Klängen sichtlich überfordert wurde, klang sehr nach wetterndem Propheten. Eine Gemeinde, die, sagen wir’s ganz ehrlich, vielleicht auch noch gar nicht die rechte Lust auf die neuen Lieder hatte. Denn die alten Lieder waren so schön, doch und leider schafften viele den Sprung vom »Laudate« ins Gotteslob nicht. Jedenfalls war in Leipzig halb Schlesien in Aufruhr.

Jetzt also auf ein Neues. Wieder fliegen Lieder raus und kommen neue rein. Natürlich wird es auch jetzt Diskussionen geben, warum dieses drin und jenes draußen ist. Und das darf auch sein, denn an vielen Liedern hängen Geschichten, die vor allen mit denen zu tun haben, die sie singen und sich an Stationen ihres Lebens erinnern. Da werden Gefühle wach, für die weder Komponist noch Organist etwas können. Denken Sie nur an das Transeamus zu Weihnachten.

Von mir aus ist es musikalisch eine Katastrophe, aber wenn es gesungen wird, sehe ich heute noch Onkel Heinz, der es Jahr für Jahr herzerwärmend in Engelsdorf sang, denke an unsere alte Kirche und schwelge in Erinnerungen. Da ist es mir schnurzpiepewurschtegal, was manche Musiker darüber denken. In den alten Liedern erinnere ich mich an Menschen, die längst in himmlischen Chören ihr Halleluja schmettern und wahrscheinlich nicht mal mehr ein Gotteslob dafür brauchen. Da stand das Transeamus nicht mal drin, daran sieht man schon, was für einen Überlebenswillen Lieder entwickeln können.

Und trotzdem, jetzt wo in vielen Gemeinden noch einmal die Lieder gesungen werden, die bald keine Nummer für die Liedanzeige mehr haben, fällt mir auch auf: viele Gesänge sind einfach aus der Zeit gefallen, und wirken wie Dampflokomotiven auf ICE-Strecken. Sie haben eine Geschichte hinter sich und trotzdem darf sich getrost von ihnen verabschiedet werden.

Deshalb der Anstoß heute an alle, die für die Gottesdienst Lieder aussuchen: Nehmen Sie doch absichtlich noch mal die, die nicht im neuen GL stehen und die in Ihrer Gemeinde oft gesungen wurden. Verabschieden Sie sich und geben Sie dann den neuen eine Chance. Oft sind sie am Anfang etwas sperrig und müssen ihr Leben erst noch finden. Keine Angst, in vermutlich vierzig Jahren kommt das nächste Gotteslob und wir dürfen gespannt sein, wie es dann klingen wird. Egal, von wo aus wir es hören werden.

Quelle:

www.tag-des-herrn.de