Die zentrale Rolle des Gesanges

Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann spricht beim Studientag in Leipzig über das neue Gotteslob

Von Matthias Holluba

Portraitfoto Benedikt Kranemann
Benedikt Kranemann
Als Benedikt Kranemann sich vor einiger Zeit in New York aufhielt, wollte er unbedingt den Sonntagsgottesdienst einer bestimmen Baptisten-Gemeinde im Stadtteil Harlem besuchen. In einem Reiseführer hatte er die Anregung dazu gefunden mit dem Hinweis auf die gute musikalische Gestaltung. »Als ich mit meiner Frau dort ankam, war die Kirche geschlossen – wegen Überfüllung.« Kranemann, der an der katholischen Fakultät in Erfurt Liturgiewissenschaft lehrt, erzählte dieses Erlebnis den rund 150 Teilnehmern eines Studientages, der in Leipzig anlässlich der Einführung des neuen Gotteslob stattfand.

»Das zeigt, was Musik, Gesang und vielleicht auch ein bisschen rhythmische Bewegung im Gottesdienst bewirken können.« Das neue Gotteslob sieht Kranemann auch in dieser Hinsicht als große Chance. »Nun gilt es im Gottesdienst der Gemeinde und im privaten Bereich damit zu handeln.«

Das Gotteslob als Rollenbuch der Gemeinde

In seinem Vortrag warf Kranemann zunächst einen Blick zurück in die Geschichte: Auch wenn im 16. Jahrhundert eine reiche Produktion katholischer Gesangbücher einsetzte, so spielte der Gesang der Gläubigen im Gottesdienst eine eher untergeordnete Rolle. Die Gläubigen wohnten einem heiligen Geschehen bei, das der Priester vollzog.

Die liturgische Bewegung, die die Liturgie als Feier der teilnehmenden Gemeinde verstand, suchte dann nach Möglichkeiten der sinnvollen Teilnahme der Gläubigen am Geschehen. Eine Möglichkeit war der Gesang. Das Zweite Vatikanische Konzil war es schließlich, das den Gesang zum tragenden Element des Gottesdienstes machte. Die Konzilsväter wurden dabei von dem Gedanken geleitet: Die Liturgie ist Tun des ganzen Gottesvolkes. Das Gottesvolk nimmt in unterschiedlichen Rollen am Gottesdienst teil.

Es entstanden verschiedene Rollenbücher (Lektionar, Messbuch, Kantorenbuch …). »Das Gotteslob ist das Rollenbuch der mitfeiernden Gemeinde. Sie findet hier alle Texte und Lieder, mit denen sie die Liturgie mitfeiert.« Damit ein Gottesdienst Qualität habe, müsse sich jeder mit seinem Rollenbuch vertraut gemacht haben, appellierte Kranemann.

Der Gesang im Gottesdienst werde nach wie vor häufig als etwas verstanden, was zur Liturgie dazu komme, kritisierte Kranemann. »Gesang ist aber nicht Schmuck, sondern wesentlich für die Liturgie.« Er unterstreiche, dass beim Gottesdienst aus vielen Individuen eine Gemeinschaft entstehe. Dabei sei das Gotteslob Zeugnis der lebendigen Glaubensgemeinschaft der Kirche. Kranemann: »Es ist Teil der Geschichte gelebten Glaubens.« Das zeigt sich an den enthaltenen Liedern aus den verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte.

»Viele Generationen haben hier ihre Spuren hinterlassen.«
Das Gotteslob ist aber nicht nur Gesang-, sondern auch Gebetbuch. »Die Liturgie brauche als Voraussetzung das persönliche Gebet und das im Gottesdienst Gefeierte soll in den Alltag der Glaubenden weiterwirken«, sagte Kranemann. »Liturgie und Lebenspraxis gehören zusammen.«

Chancen des Kirchenliedes in säkularer Gesellschaft

Das Gotteslob hat für Kranemann aber nicht nur eine binnenkirchliche Funktion. »Es ist auch Teil des kulturellen Gedächtnisses unserer Gesellschaft.« Im gemeinsamen Singen wirkt diese Kultur weiter und wird nicht museal entsorgt. Seiner Ansicht nach habe das Kirchenlied auch in der säkularen Gesellschaft eine Chance. Deshalb könne eine Liturgie, die in die Gesellschaft hineinwirken wolle, nicht auf Musik und Gesang verzichten.

Der Studientag war eine gemeinsame Veranstaltung der Seelsorgeämter der ostdeutschen Bistümer Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg sowie des Erzbistums Berlin. Etwa 150 Teilnehmer waren dazu in die Räume des St. Benno-Verlages nach Leipzig gekommen. Im St. Benno Verlag erscheint die ostdeutsche Gotteslob-Regionalausgabe. Die fünf Ost-Bistümer hatten sich geeinigt, statt je eigener Bistumsanhänge einen gemeinsamen Regionalanhang zu erstellen, das heißt, das Gotteslob ist in allen fünf Bistümern identisch.

Quelle:

Holluba, Matthias: »Eine große Chance«, in: Tag des Herrn, Nr. 42 vom 20. Oktober 2013, S. 9.